humansarehappy-logo-ausgeschrieben

Conny – Woraus ziehen wir Selbstwert?

Im siebten Gespräch bei humansarehappy spreche ich mit Conny.

Conny ist Autor, Texter & Musiker. Unser Gespräch dreht sich vor allem um die Frage, woraus Menschen ihr Selbstwertgefühl ziehen und welchen Einfluss dabei die tägliche Arbeit sowie gesellschaftliche Normen haben. Dabei werfen wir vor allem einen Blick auf die Popkultur und welchen Ansatz – oder vielleicht auch Trugschluss – vom Glück uns diese vermittelt. In unserem Gespräch hat Conny mich durch seine klare, bewusste und auch demütige Haltung zum Leben stark beeindruckt.


Copyright: Niels Freidel




Der Anfang

Conny hat viele Jahre seines Lebens als Softwareentwickler gearbeitet. Schon während seines Studiums zum IT-Entwickler gründet er gemeinsam mit Freund:innen eine Firma, die sich auf IT-Lösungen spezialisiert hat. Doch neben dem Themenfeld der Informationstechnologie gibt es eine weitere Leidenschaft, die immer wieder in Connys Innerem anklopft: Die Kunst, das Schreiben, die Musik. Als dieses innere Anklopfen immer lauter wird, entschließt Conny sich, seinen Job als IT-Entwickler an den Nagel zu hängen und sich in Vollzeit der Kunst zuzuwenden. Ein Schritt, der Folgen mit sich bringt, die Conny nicht erwarten konnte. Denn Conny kündigt nicht nur seinen Job – er kündigt unbewusst auch eine wichtige Ressource seines Selbstwertgefühls.



"Ich dachte, ich wechsle einfach nur den Job. Aber das war viel mehr.

Das was da passiert ist, war einfach viel größer."



Eine Quelle des Selbstwertes versiegt

Eine feste Arbeitssituation – ob selbstständig oder angestellt – lässt es meist zu, einen gewissen Teil des eigenen Selbstwerts aus Feedback von Kolleg:innen oder Kund:innen zu ziehen. Auch das Gehalt spielt dabei eine Rolle. Natürlich bildet das Gehalt niemals den Wert eines Menschen ab, aber es gibt dennoch ein gewisses Feedback. Diese beiden Quellen von Selbstwert brechen für Conny mit einem Schlag weg. Als Conny erkennt, dass er mit seinem Job eine wichtige Quelle seines Selbstwertes gekündigt hat, bemüht er sich, neue Quellen des Selbstwertes zu erschließen.



"Dann ist man gezwungen, sich eine neue Quelle des Selbstwertes zu erschließen, das hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Der Hype ‘Du lebst deinen Traum!‘ trägt einen höchstens mehrere Wochen bis Monate."



Welche Menschen wirklich zählen

Ohne Umschweife erzählt Conny, dass der anschließende Prozess kein glatter Lauf, sondern ein sehr steiniger Weg war. Durch die ausbleibende Bestätigung im Job suchte er nach anderer Bestätigung im Außen. Obwohl er sich zum damaligen Zeitpunkt in einer festen Beziehung befand, flirtete Conny beispielsweise verstärkt mit anderen Frauen – was die Beziehung in der Folge stark belastete.


Erst als es fast zu spät ist, erkennt Conny, was da eigentlich passiert. Er spürt, dass es immer wieder Momente geben wird, in denen er sich unsicher fühlen wird. In der Folge ist es daher vor allem wichtig, sich dieser Momente schnell bewusst zu werden. Das gebe dann die Möglichkeit, bewusst mit der Situation umzugehen und beispielsweise Freund:innen gegenüber die eigene Unsicherheit zu kommunizieren. Dies wiederum vermittele Sicherheit und ein Gefühl des Getragen-Werdens.


Wenn der Selbstwert dem Glück im Wege steht

Rückblickend stellt Conny fest, dass er sich in der ersten Zeit nach seiner Kündigung an mehr Tagen traurig und niedergeschlagen fühlte, als dass er glücklich oder zufrieden war. Obwohl viele schöne Dinge in seinem Leben passierten: So fand die Erstaufführung seines Theaterstückes Lieder über Lara statt und ein Plattenvertrag bei dem Label Sony stand im Raum. Aber für Conny war es kaum möglich, seine Erfolge zu genießen.


Die Frage: "Was bin ich wert & inwiefern bin ich selbst in der Lage mir das auch selbst zu geben?"ist für Conny hierbei der entscheidende Link zwischen Selbstwertgefühl und Wohlbefinden.



"Ich war super unglücklich, weil mir so viel gefehlt hat. Das zeigt für mich, dass mich zu der Zeit das fehlende Selbstwertgefühl davon abgehalten hat, glücklich zu sein."



Die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Umfeld

Nachdem Connys im Studium mit Freund:innen gegründete Firma aus privaten Gründen auseinanderbricht, geht Conny einen Job in Festanstellung ein. Dabei tut Conny etwas, das er heute als wichtigen Schlüssel bezeichnet: Er lässt sich nur für 4 Tage pro Woche anstellen. Dies gibt ihm mehr Zeit für persönliche Themen, die wiederum eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen erst ermöglichen.


Dass die Möglichkeit, von einer 4-Tage-Woche zu leben, wiederum in gesellschaftlichen Umständen begründet ist, die ihn als Mann mit hoher akademischer Ausbildung stark bevorteilen, reflektiert er immer wieder in seiner Musik. Der Song Sisyphos zeigt diese Reflexion auf künstlerischer Ebene.


Drake ist auch nicht glücklich

Die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen spielt in Connys Musik immer wieder Rolle. In seinem Song Drake ist auch nicht glücklich befasst er sich am Beispiel des US-Musikers Drake mit der Frage, inwieweit vordergründiger Erfolg dem Empfinden von Glück zuträglich ist. Dabei stellt Conny im Gespräch bei humansarehappy dazu eine entscheidende Frage: Welcher Traum vom Glück wird in der Popkultur suggeriert?

Hört man sich die Songs von Drake an, kommt man zu einer schnellen Antwort. Was auf jeden Fall dazu gehört: Weltruhm, Geld & Frauen. Hört man aber genauer hin, dann ist da noch eine zweite Aussage in anderen Songs von Drake. Denn neben vielen Liedern, in denen Drake über seinen Reichtum, seinen Ruhm und sein Luxusleben sinniert, gibt es immer wieder Werke, in denen er beschreibt, wie einsam, ja wie traurig er sich fühlt.


Was wirklich zählt

Aktuell ist Conny damit beschäftigt, sich eine Existenz als Musiker und Künstler aufzubauen. Er bewegt sich dabei in einer Welt, in der Likes, Clicks und Shares eine Währung darstellen und über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Das bringt Conny zu einer entscheidenden Frage: "Wo habe ich ein möglicherweise falsches Konzept von Glück in mir? Und an welcher Stelle verkauft mir das die Popkultur auch?"


Die Antwort darauf liefert Conny selbst:


"Wir leben in einem System, das davon lebt & profitiert, dass wir die ganze Zeit arbeiten. Dass wir viel mehr arbeiten, als dass wir Zeit für uns selber haben. Wir bringen die ganze Zeit Produkte hervor. Deswegen macht es aus Kapitalismussicht Sinn, immer wieder Figuren wie Drake hervorzubringen, wie mit viel Reichweite sagen, es sei das Beste, viel Geld zu haben.


Das krasseste ist jedoch, dass genau diese Menschen aus extrem armen Verhältnissen stammen und das Spiel eigentlich so ausgelegt ist, dass sie es viel schwieriger haben, aufzusteigen und ein großes Vermögen anzuhäufen. Und sie spielen es so geschickt und so clever, dass sie es doch schaffen. Aber anstatt zu sagen: 'Ich habe mich daraus befreit.', reproduzieren sie es und halten es am Leben."

Dass dieses große Spiel nicht auf das Wohlbefinden aller, sondern auf den Wohlstand einiger ausgelegt ist, ist Conny sehr bewusst. Vielleicht weiß er es sogar besser als Drake.


Um Dir vor Augen zu führen, welche Bereiche des eigenen Lebens maßgeblich zum Selbstwertgefühl und zum Wohlbefinden beitragen, kannst Du das Modell des Lebensrads anwenden, das Anja Serfontein in diesem Artikel erklärt.