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Prof. Dr. Annelie Keil – Wie man es lernt, sich zu mögen

In diesem Gespräch spreche ich mit der Gesundheitswissenschaftlerin und Soziologin Prof. Dr. Annelie Keil über die große Frage, wie wir werden, wer wir sind. Wir sprechen über Selbstakzeptanz und darüber, wie man es lernt, sich zu mögen.


Neben diesen großen Fragen gehen wir ganz konkret auf den Gesundheitsbegriff ein und inwiefern dieser dem Erleben von Wohlbefinden sogar abträglich ist.

So viel vorab: Der Begriff Wohlbefinden leitet sich aus dem englischen "well being" ab: es geht also beim Wohlbefinden um eine Sein-Erfahrung. Und genau das ist dieses Gespräch.






Zur Person

Annelie Keil hat eine beeindruckende Lebensgeschichte. Bis heute präge sie der Jahrgang 1939, ordnet sie direkt zu Beginn des Gespräches ein. Sie habe es sich nicht ausgesucht, überhaupt auf die Welt zu kommen, und das auch noch in einem Kriegsjahr. Ihre Kindheit war aber nicht nur aufgrund des Krieges hart: Annelie Keil ist ein uneheliches Kind, sie bezeichnet sich selbst als "Polackenkind", ihre Mutter war arm. Der Krieg, das Ankommen in Deutschland als Geflüchtete, all das habe sie sehr geprägt. Da ihre Mutter eine "schwierige Frau" war, ist Annelie Keil schon früh gerne in die Schule gegangen. Schule und lernen bezeichnet sie als zentrale Lebenskräfte.


"Schule und lernen und neugierig sein und 'Ich will die Welt verändern!', das war schon sehr früh eine prägende Kraft."


Mit 12 Jahren trat Annelie Keil in die Kirche ein und ließ sie sich gegen den Willen ihrer Mutter taufen. Ihr Vorbild dazu war Albert Schweitzer: "Wenn so einer in dieser Institution ist, dann kann das nicht ganz verkehrt sein!"


"Albert Schweitzer ist bis heute mein Hero!"


Später ging Annelie Keil an die Uni. Sie studierte mit Begeisterung und arbeitete bei VW am Werksband, um sich das erste Semester zu finanzieren. Bereits mit 32 Jahren war sie Professorin. Das sei viel zu früh gewesen, sagt sie heute. Sie war eine gute Wissenschaftlerin, aber mit 32 Jahren tausende Studierende auszubilden, das war schwierig. Knickstellen im System wie diese haben Annelie Keil gelehrt, wie viel Verantwortung man selbst trage. Und dass man manchmal zu früh zu viel Verantwortung trage. Neben ihrer Karriere als Wissenschaftlerin habe sie sich gleichzeitig um ihre Mutter kümmern müssen, was für sie eine große (finanzielle) Belastung war.


"Die Erfahrungen, die wir im Leben machen, sind, wie wir werden, wer wir sind, aber es nicht bleiben. Bis zum letzten Atemzug gibt es immer weiter Veränderungen."


Ihre Krankheiten, blickt Annelie Keil zurück, waren ihre großen Lehrmeister. Allein die gesundheitlichen Schicksalsschläge, die aufzählt, reichen gefühlt für sieben Leben: "Herzinfarkt, 3x Krebs, Schilddrüse weg, Galle weg – heute bin ich ein medizinisches Wrack, aber ich fühle mich gesünder denn je!" All das waren einschneidende Erlebnisse, doch Annelie Keil entwickelte bereits früh einen starken Lebenswillen. Bereits als Kind in einem polnischen Waisenhaus sagte sie sich:


"Ich will leben und ich will der Welt beweisen, dass auch uneheliche und Waisenkinder etwas werden können."


Und wie sie das tat. Noch nach ihrer Pension im Jahr 2004 baut sie an der Uni Bremen das Weiterbildungsstudium "Palliativ & Care" auf. Sie begründet diesen Schritt in ihrer Kritik am Exzellenz-Drang der Uni. Es gehe für die wenigsten Menschen an der Uni ausschließlich um Forschung. Vielmehr müsse man dort auf spätere Tätigkeiten vorbereitet werden, das zeige nicht zuletzt die Corona Krise. Ein Mediziner, so Annelie Keil, sei noch lange kein Arzt. Ein Arzt sei jemand, die oder der wirklich mit den Patien:innen reden könne. Jemand, der wisse, dass Gesundheit mehr bedeutete, als schlicht OB (ohne Befund) zu sein.


Das Leben sei ein dauerhaftes, unbekanntes Abenteuer. Es ist Annelie Keil wichtig, dass dies nicht als spiritueller Satz verstanden wird. Wenn man einfach nur zuhöre, sagen dies auch die Naturwissenschaftler:innen und ihre schlichten, harten Fakten: Das Leben ist endlich, verletzlich und unverfügbar.


"Das Leben ist endlich, verletzlich und unverfügbar."


Gerade die Unverfügbarkeit zeige sich sehr stark in der Corona Krise. Zwar habe der Mensch mit der Entwicklung von Impfstoffen ein wenig Zugriff bekommen, aber insgesamt keine Antworten auf wichtige Fragen: Warum lassen sich Menschen begeistert impfen und warum manche nicht? Was macht es mit Kindern, wenn sie eine lange Zeit in Quarantäne sind? Welcher Schaden entsteht durch psychosoziale Isolation?


Lernen, sich zu mögen

Ich möchte von Annelie Keil wissen, wie man es lerne, sich selbst zu mögen. Glück sei die Fähigkeit, zu leben, antwortet Annelie Keil. Sie erklärt, dass man nicht einfach Glück habe. Glück bedeute im ersten Schritt zu akzeptieren, dass man selbst nur ein Wesen von vielen sei. Und dass man lernen müsse, mit der Umwelt und den Erwartungen, die durch andere Menschen geschaffen werden, umzugehen.


"Man muss lernen, sich zu mögen. Und herausfinden, warum man sich oder das Leben mag."


Schon vor der Geburt entwickeln viele Menschen Erwartungen an einen gerade entstehenden Menschen. Und diese Erwartungen setzen sich ab dem Zeitpunkt der Geburt nahtlos fort: Eltern und Großeltern wollen sich in dem neugeborenen oder heranwachsenden Kind selbst erkennen. "Ganz der Opa!" – "Nein, ganz der Onkel", und so weiter. Später solle man so sein, wie die Eltern oder andere Menschen es gerne möchten. Studieren, was andere für einen als das Beste halten. So sei es schwer, die eigenen Talente und Potentiale wirklich zu erkennen.


"Die Aufgabe, ein Mensch im aufrechten Gang zu werden, ist eine Lebenslange."


Die nackte Geburt sei das wesentliche Geschenk, die wesentliche Möglichkeit, vielleicht aber auch die wesentliche Last, durch die man herausfinden müsse, wer man wirklich ist. Dieser Prozess sei nicht an sich schwer, aber würde dadurch schwer, dass man ständig durch andere Menschen beeinflusst und direkt nach der Geburt in Rosa oder Blau gekleidet würde. "Das haben wir jetzt hoffentlich endlich mal überwunden", fügt Annelie Keil an.



Selbstakzeptanz als Weg

Es gehe in dem Prozess, sich selbst zu mögen, vor allem um Akzeptanz. Ohne die Welt, in die wir hineingeboren werden, können wir nichts werden. Und gleichzeitig ist es dieselbe Welt, die uns immer wieder vor Herausforderungen stelle, mit denen wir umgehen müssen. Dies fange mit den Erwartungen anderer Menschen an uns selbst an. Auch, wenn man viele Privilegien habe, könne sich auf einen Schlag alles verändern. Sich selbst zu mögen ginge daher nur über den Weg der Akzeptanz.


"Ich habe sehr gerungen, freundlich mit meiner Arthrose zu werden. Freundlich zu werden mit den Brustkrebsoperationen. Freundlich zu werden mit meinem Darmtumor. Das ist ein Kampf!"


Ausgerechnet im hohen Alter Arthrose in der rechten Hand haben, nicht schreiben und nicht Auto fahren zu können, das sei ihr sehr schwergefallen zu akzeptieren, gibt Annelie Keil zu. Und doch führe kein Weg an der Akzeptanz vorbei. Es ginge um immer wieder neue Verhandlungen mit dem Leben und der Umwelt.


"Die Freundlichkeit mit sich selbst hat zutiefst die Unvermeidbarkeit des Lebens, das Akzeptieren."


Es ist Annelie Keil wichtig, die universelle Bedeutung der immer wieder notwendigen Verhandlungen mit der Welt deutlich zu machen: "Alle Lebewesen müssen mit der Welt, in die sie hineingeboren werden, verhandeln. Glauben Sie, irgendein Tier würde der Massentierhaltung zustimmen? Oder irgendein Kind kommt mit der Idee auf die Welt, dass es pummelig wird und Diäten machen muss? Das sind ständig neue Verhandlungen. In bestimmten Zeiten sind wir zufriedener mit uns selbst und manchmal bricht man an einer kleinen Sache und hasst sich selbst und fällt in tiefe Depressionen. Das ist ein Riesenspiel, und zwar kein leichtes!"



Hauptsache Leben

Wir kommen auf das Thema Gesundheit zu sprechen. Für Annelie Keil ist die Gesellschaft im Thema Gesundheit falsch abgebogen. Sie würde den Satz "Hauptsache gesund!" gerne verbieten lassen, denn er zeige eine politisch-soziale Entwicklung, die sehr gefährlich sei: Gesundheit ist besser als Leben.


Wie solle sich ein Krebspatient im Terminalstadium fühlen, wenn man neben ihm an Silvester nach ein paar Gläsern Sekt aus voller Inbrunst "Hauptsache gesund!" in die Nacht grölt?


Dabei habe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits in den 1980er Jahren versucht, das Missverständnis auszuräumen, dass Gesundheit bedeutete, körperlich "ohne Befund" zu sein. Um dieses Missverständnis zu erläutern, helfe es, auf den Ursprung des Wortes Wohlbefinden zu blicken. Aus den englischen übersetzt stammt dieser von "well being" ab und bezieht sich damit auf das Wort sein (to be). Für viele Menschen sei der Begriff Wohlbefinden nicht greifbar, weil sie nie gelernt haben zu fühlen, wie sie sich befinden.


"Wie befinde ich mich, wenn ich traurig oder wütend bin? Das wissen viele nicht. Das Einzige, worauf die Medizin eingegangen ist, sind Befindlichkeitsstörungen. Und die erkennen viele gar nicht, weil sie nicht wissen, was Befinden ist."


Das Wort Wohlbefinden meint also die Frage: "Wie bist du?" oder "Wie ist dein Befinden?" Das Ziel der WHO war es, so Annelie Keil, Wohlbefinden auf fünf Ebenen zu definieren: Körperliches Wohlbefinden

Soziales Wohlbefinden

Geistiges Wohlbefinden

Seelisches Wohlbefinden

Spirituelles Wohlbefinden


Das Bestreben der WHO, den Gesundheitsbegriff durch den Begriff des Wohlbefindens zu ersetzen, scheiterte damals am großen Einfluss der Kirche in den USA. Diese störten sich am Begriff des spirituellen Wohlbefindens, was das gesamte Vorhaben zum Scheitern brachte. Dabei spiele der Spiritualität eine wichtige Rolle, auch wenn man keiner Religion angehöre: "Sie werfen es ja nicht dem Wasser vor, dass es flutet. Manche werfen es auf einer anderen Ebene Gott vor, dass er das zulässt. Leben ist verletzlich und endlich und das kann schon mit 5 Jahren passieren. Sie werfen es dann auch nicht dem Kind oder dem Arzt vor." Spirituelles Wohlbefinden bedeute also, sich trotz aller Nöte eingebunden zu fühlen in ein universales Schicksal.


Für Annelie Keil ist die Fokussierung auf Gesundheit unter der Prämisse, dass gesund zu sein schlicht bedeute, "ohne Befund" zu sein, ein großer Fehler. Denn Wohlbefinden bedeute weit mehr als körperlich oder geistig "ohne Befund" zu sein. Aus ihrer Sicht hängt Wohlbefinden mit einem Konzept der Lebenskunst (The Art of Living) zusammen.


"Wir müssen mit dem, was da ist, und was uns materiell einfach gegenübertritt, umgehen."


Zum Wohlbefinden gehöre als wichtige Kategorie ein Verstehen des ganzheitlichen Zusammenhangs. Und Ganzheit sei nie einfach da. Sie muss durch Integration gebildet werden.


Selbstintegration im tätigen Vollzug

Um dies zu erklären, behilft sich Annelie Keil mit dem Modell der Selbstintegration im tätigen Vollzug. "Das klingt altmodisch, ist aber wunderbar!" Denn die Selbstintegration bedeute, man müsse selbst etwas für sein Wohlbefinden tun. Bekomme man beispielweise eine schwere Diagnose, bedeute dies, dass beide Parteien ranmüssen, um letztendlich Gesundheit wieder herzustellen. Der:die Ärzt:in mit ihrer:seiner Profession, der:die Patient:in mit seinem:ihrem Überlebenswillen. Denn das, was man geistig denke, sei für den Prozess der Heilung sehr wichtig. An diesem Beispiel lässt sich das Zusammenspiel der oben genannten Ebenen erkennen.


"Ganzheitliches Wohlbefinden ist die Aufforderung, die verschiedenen Ebenen des Wohlbefindens immer wieder heranzuziehen. Und die Selbstintegration im tätigen Vollzug ist eine Selbsterfahrung, die wir in der Geburt schon haben: Du musst in die Puschen kommen, bevor Du Füße hast!"


Letztendlich sei unser Verständnis von Gesundheit so fatal, weil es nahelege, dass immer, wenn man krank sei, etwas mit einem nicht stimmt.


Wohlbefinden dagegen sei viel komplexer. Zusammengefasst lassen sich für Annelie Keil drei Dinge darüber sagen:


  1. Es geht um Verhandlungen mit dem Leben und Akzeptanz der Dinge.

  2. Das Wohlbefinden des Einen und Erwartungen des Anderen gehören immer zusammen.

  3. Selbstakzeptanz im Vollzug heißt, man integriert die Dinge selbst.


Biographische Medizin

Ich möchte von Annelie Keil gerne wissen, was sie als Forscherin für Lebenswelten über die Entstehung von Wohlbefinden innerhalb konkreter Welten oder Umgebungen sagt. Sie entgegnet, dass es bei Lebenswelten immer um Biographiearbeit ginge. Biographiearbeit bedeute in dieser Hinsicht die Verbindung von dem, was einem Individuum durch seine Außenwelt "zugemutet" wird und wie es damit umgehe. Mit anderen Worten bedeute es, die eigene Biographie zu verstehen, zu verstehen, wie man mit der Welt, seiner Familie, seinen Krankheiten oder mit sich selbst verbunden sei. Dementsprechend sei die eigene Biographie ein wichtiges Mittel der Selbsterkenntnis und der Selbstwahrnehmung.


"Mit sich selbst befreundet zu sein heißt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen."


Am Ende des Gespräches frage ich Annelie Keil, über welchen Satz jeder Mensch einmal nachdenken sollte. Ihre spontane Antwort lautet: "Wie lebt das Leben?".


Ich danke Annelie Keil herzlich für ihre Zeit und ihr Wissen.