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Dr. Kirsten Kappert-Gonther – Wie entsteht Wohlbefinden auf gesellschaftlicher Ebene?

Im sechsten Gespräch von humansarehappy erklärt die Humanmedizinerin, Psychotherapeutin und Grünen-Bundestagsabgeordnete Dr. Kirsten Kappert-Gonther,

wie die Politik strukturelle Voraussetzungen für die Entstehung und Entwicklung von Wohlbefinden schaffen kann.



Wohlbefinden braucht soziale Gerechtigkeit

Es fällt Dr. Kappert-Gonther leicht, die Voraussetzungen für ein hohes Wohlbefinden in einer Gesellschaft auf wenige, entscheidende Bereiche herunterzubrechen. Um in der Gesellschaft zielführende Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass möglichst viele Individuen ein hohes Wohlbefinden entwickeln, brauche es nach Dr. Kappert-Gonther vor allem Mitgestaltung und eine gerechte Verteilung von Ressourcen und sowie gerechte Zugänge zu Bildung. Dabei verweist sie unter anderem auf das Werk von Richard Wilkinson und Kate Pickett The Spirit Level: Why Equality is Better for Everyone. Die Grundaussage des Buches sei es, dass Gesellschaften, in denen die Schere zwischen Arm und Reich näher zusammen liegt, im Durchschnitt glücklicher und zufriedener sind, also ein höheres Wohlbefinden ausweisen. Dementsprechend sei soziale Gerechtigkeit die Grundlage für ein hohes Wohlbefinden in der gesamten Gesellschaft.



Was dem Wohlbefinden einer Gesellschaft dienlich ist

Um eben eine solche soziale Gerechtigkeit zu schaffen, führt Dr. Kappert-Gonther exemplarisch einige Bereiche auf, in denen die Politik durch das gezielte Schaffen von Rahmenbedingungen einem hohen Wohlbefinden innerhalb einer Gesellschaft zuträglich sein kann.


1. Eine gerechte Verteilung von Ressourcen und Zugängen am Beispiel von Bildung Der Staat solle dafür sorgen, dass jedes Kind die Möglichkeit habe, im Rahmen seiner Kreativität gefördert zu werden. Eine Anpassung der Curricula sei dafür ein notwendiger Schritt. So könnten beispielsweise verstärkt Kinder gefördert werden, die zwar großartige Veranlagungen in sich tragen, diese allerdings im aktuellen Schulsystem kaum entfalten können.

2. Das Arbeitsleben Allem voran steht hier ein angemessener Lohn für verrichtete Arbeit. Darüber hinaus solle der Staat Strukturen schaffen, die beispielsweise Mitbestimmung und Zeitsouveränität gewährleisten. Auch das Recht auf einen echten Feierabend sei durch einen politischen Rahmen einfach zu ermöglichen.

3. Steuergesetzgebung Hier geht es neben einer gerechten Besteuerung vor allem darum, ein breiteres Verständnis dafür zu schaffen, dass Steuern zu zahlen dem Allgemeinwohl diene. Die Mentalität, Steuern alleine schon aus dem Willen des Gemeinwohls zu zahlen sei in den skandinavischen Ländern bereits viel weiter ausgeprägt.

4. Ein gesunder Alltag dient dem Allgemeinwohl Einen großen Hebel sieht Dr. Kappert-Gonther im Bereich der Gesundheitsförderung. Hier würde aktuell viel zu kurz gedacht: So finanzieren Krankenkassen beispielsweise Rücken- oder Kochkurse, was für Einzelne gewiss angenehm ist. Jedoch sei diese Förderung meistens wenig zielführend. Denn Gesundheit entwickele sich viel stärker im Alltag und in den Lebenswelten der Menschen. Daher sei unter anderem das Thema Stadtentwicklung an dieser Stelle sehr wichtig.


5. Stadtentwicklung als Katalysator für Wohlbefinden Menschen, die sich regelmäßig bewegen, haben eine größere Chance, sich wohlzufühlen. Im Thema Stadtentwicklung liegt laut Dr. Kappert-Gonther daher ein enormes Potenzial. Dabei kommt wieder auf die Förderung von Kindern zu sprechen: Es müsse ihrer Ansicht nach viel stärker darauf geschaut werden, wie Kinder sich bewegen können. Ob sie überhaupt die Möglichkeit haben, sich alleine in einer Stadt zu bewegen. Das fördere nicht nur die Gesundheit, sondern stelle auch eine wichtige Autonomieerfahrung dar. Die Voraussetzungen dafür wären viel besser, wenn große Rad- und Fußwege dies ermöglichen würden. An dieser Stelle lässt sich auch der große Nutzen von Grünflächen, Bänken und öffentlichen Plätzen ableiten. Denn all diese fördern die Wahrscheinlichkeit von spontanen, zwischenmenschlichen Begegnungen. So könne Stadtentwicklung das körperliche, das emotionale und das soziale Wohlbefinden fördern.


Dr. Kappert-Gonther fasst zusammen, dass die aufgeführten Faktoren eine entscheidende Voraussetzung für die Entstehung von Wohlbefinden seien und dass es erwiesen sei, dass Menschen, die sich wohlfühlen, eher dazu bereit sind, auch etwas für andere Menschen zu tun. Es herrscht also eine Positiventwicklung zwischen Wohlbefinden und Allgemeinwohl.



Handeln im Rahmen des eigenen Wertesystems

Ein weiterer Punkt unseres Gespräches behandelt das Handeln innerhalb des eigenen Wertesystems. Meine Hypothese war, dass Menschen, die andere Menschen ausgrenzen, Ausgrenzung als Wert allerdings befürworten, innerhalb ihres Wertesystems kongruent handeln würden. Andere Menschen auszugrenzen sei in diesem Fall dem Wohlbefinden zuträglich.


Dr. Kappert-Gonther widerspricht an dieser Stelle. Sie führt an, dass es ein Anzeichen eines fragilen Selbstwertgefühls sei, wenn man das Bedürfnis habe, andere Menschen herabzuwürdigen. Ein fragiles Selbstwertgefühl wiederum sei ein Indiz auf ein möglicherweise geringeres Wohlbefinden.

Menschen mit einem stabilen Selbstwertgefühl hätten das Bedürfnis der Abwertung und Ausgrenzung anderer ihrer Ansicht nach weniger. Dies werfe im Umkehrschluss wiederum die Frage auf, welche politischen Rahmenbedingungen vom Staat gesetzt werden können, damit Menschen von vornherein einen stabilen Selbstwert entwickeln können.

Es sei daher umso wichtiger, Kindern zu ermöglichen, sich vollumfänglich entfalten zu können. Kinder sollten sich demnach ausprobieren, scheitern, hinfallen & lernen dürfen. Es gehe darum, Kindern weder alles abzunehmen, noch alles zu verbieten. Es sei entscheidend, in einer liebevollen Rahmung Möglichkeiten zu schaffen, in der sich (junge) Menschen entwickeln können.


Der Spielraum des Staates

Es liegt in der Hand des Staates, gerechte Zugänge zu Ressourcen und Bildung zu schaffen. Genauso wird die Entwicklung der Lebens- und Arbeitswelten sowie explizit der Städte durch den Staat gelenkt. Sofern diese Bereiche gezielt ineinandergreifen, können sie daher nicht nur dem Allgemeinwohl, sondern auch dem Wohlbefinden einer ganzen Gesellschaft sehr zuträglich sein.


Zur Person

Dr. Kirsten Kappert-Gonther ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

1999 übernahm sie die ärztliche Leitung einer Rehabilitationseinrichtung für psychisch Kranke. Von 2002 bis 2005 baute Dr. Kappert-Gonther eine psychiatrische Ambulanz in Bremen auf und übernahm deren Leitung, bevor sie sich 2005 in einer eigenen Praxis für Psychotherapie in Bremen niederließ.

Bis zum Antritt ihres ersten Mandats in der bremischen Bürgerschaft hielt sie acht Jahre lang die Vorlesungsreihen für Psychiatrie/Psychotherapie an der Fachhochschule für Kunsttherapie in Ottersberg und begleitete kontinuierlich psychiatrische Teams in Supervisionen.

Mit dem Antritt ihres Bundestagsmandats legte sie die Arbeit in ihrer Praxis für Psychotherapie nieder. Als Mitglied der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen ist Dr. Kappert-Gonther Sprecherin für Gesundheitsförderung und Sprecherin für Drogenpolitik.